Wir begeben uns in den grossen Wohnraum und Sailer beginnt den Kamin anzuzünden. Es ist März, abends noch empfindlich kalt und erst langsam beginnt Wärme aus den knackenden Holzscheiten in den Raum zu strömen. Wir geniessen die über dem Feuer gerösteten Sardinen, Brot und Rotwein aus grossen Korbflaschen, die Sailer in dem Raum lagert, wo einst die grossen Mühlräder rauschten. Er erzählt, dass sie in seiner Kindheit nur an wenigen Festtagen abgestellt wurden und plötzlich höre ich das Verstummen des Räderwerkes, das für die damaligen Menschen eine geradezu "heilige Stille" hergestellt haben muss.
Sailer lebt mit seiner Frau und ihren drei Söhnen zusammen, aber diese wohnen nebenan im "Frauenhaus", wo es mollige Bettdecken, Dusche und Zentralheizung gibt. Hier im Atelierbereich ist die "Vaterwelt": alles etwas rauher, schmutziger, kühler und - im wahrsten Sinne des Wortes - ungehobelter. Grosse Leinwände mit halbfertigen Bildern lehnen an der Wand, auf einem ist ein Krieger mit einer Lanze und einer grossen Feder zu sehen. Es ist der germanische Held Siegfried, aber er strahlt eher etwas Naiv-Verträumtes als martialische Gesinnung aus. Vor mir steht die grosse Steinskulptur der "Liegenden", die die erotische Komponente in Sailers Werk deutlich macht. Einen archaischen Holzstuhl halte ich erst für eine Arbeit des Bildhauers, aber er entpuppt sich als afrikanisches Original. Eines der Geheimnisse von Sailer ist, dass all diese Elemente nahtlos zusammenpassen: Dionysos, Loki, Siegfried, Tarzan, afrikanische Regenmacher und germanische Wölfe und Raben. Selbst die biblische Figur des "guten Hirten" ist darunter, der allerdings von einem gehörnten Tier und einer Schlange umspielt wird. Von wenigen christlichen Motiven abgesehen, webt Sailer eher in heidnisch-polytheistischen Welten. Vermutlich hat ihm der bigotte Pietismus seiner schwäbischen Heimat zuviele Wunden beigebracht, als dass er es sich verkneifen könnte, ihn immer wieder mit Bildern des Dämonischen, Animalischen und Sexuellen zu konterkarieren. Ausserdem ging ihm bei einem Besuch in der afrikanischen Wüste auf, dass er "Animist" sei. Er könne - so erzählt er mir - nicht anders, als in Bäumen und Quellen, Steinen und Tieren beseelte Wesen sehen, die in der kosmischen Hierarchie keineswegs unter dem Menschen stünden. Noch spät in der Nacht unterbricht er unser Kamingespräch, um drüben im Stall seinen Pferden ein Nachtmahl zu bereiten.